In der Klinik ... Hilfe holen

Liebe „Mitleidende“ …

Ich hatte hier auf der Seite „Mein schwarzer Hund und Ich“ angekündigt, etwas über meinen aktuellen Klinikaufenthalt nach der massiven „Absturzphase von 4 Monaten Ende 2019“ zu schreiben. Dies möchte ich hiermit tun … um Euch Mut zu machen, dass es nach auch nach so einem tiefen Fall und wenig Hoffnung doch wieder ein Aufstehen und Weiterleben gibt.

Hilfe zur Selbsthilfe … so möchte ich diesen Klinikaufenthalt und auch wirksame Hilfe von außen beschreiben. Machen wir mal ein wenig Statistik: 30 % helfen uns die Medikamente, die einfach bei diesen Erkrankungen wie Depression, Bipolare Störungen etc. unerläßlich sind … 40 % ist ungefähr der Anteil der Therapeuten und deren Gespräche mit Euch, wenn Ihr Euch darauf einlaßt … aber mindestens 30 % ist Eigenarbeit, d.h. Ihr seid gefordert, Euch mit Euch zu beschäftigen … Aua, das tut ganz schön weh!!!

Ich hatte früher den „Traum“ gehabt, Psychotherapie bedeutet: Ich bekomme 10 Goldene Regeln für das Leben, für ein gutes Leben, und das war`s … durch die Einhaltung dieser Regeln geht`s mir dann gut. Ohweia!!! … so einfach??? Natürlich nicht. Die effizienteste Form der Psychotherapie ist nachweislich die „Kognitive Verhaltenstherapie“ … Verhaltensmuster, die uns nicht gut tun müssen wir ablegen und durch neue Muster ersetzen, die nachweislich besser sind. So kann zB jemand, der Konflikten immer aus dem Weg gegangen ist, vielleicht aus übersteigertem „Harmoniebedürfnis“ heraus … vielleicht waren die Eltern oder eine wichtige Bezugsperson „konfliktscheu“ … neu lernen, diese Konflikte auszuhalten und auszutragen. Auf eine Art und Weise natürlich, die realistisch-zielorientiert ist und Erfolg verspricht.

Oft hindern uns unsere „falschen“ Muster daran, klar denken zu können … wir sind sofort bereit zB agressiv zu werden, wenn uns etwas nicht gefällt, wenn unser Gegenüber uns „blöd“ kommt. Aber was erzeugt „Agression“??? … natürlich „Gegen-Agression“ und der Konflikt artet aus, eskaliert und wir fühlen uns hinterher total schlecht, denn so hat es nicht funktioniert … wir haben nicht das erreicht, was wir wollten … im Gegenteil!!! Ärgerlich … auf uns selbst … und wütend über das Ergebnis ziehen wir uns zurück in unsere Schmollecke und denken: „Was sind die anderen Menschen doch für Idioten!!! Warum wollen die nicht verstehen, dass ich Recht habe???“ Ja … und beim nächsten Mal lassen wir uns wieder von unseren Mustern leiten … und wieder … und wieder.

„STOPP!!!“ Da hilft nur ein: „Gedanken-STOPP!!!“ und eine „Rationale Umwandlung“

Eines der hilfreichsten Instrumente zu Beginn einer Verhaltenstherapie!!! Erkennen, was für „Scheiss-Gedanken“ in mir stecken … immer und immer wieder … und zu erlernen, diese umzuwandeln … durch Üben, Üben, Üben!!! Und das ist Abeit, Arbeit, Arbeit!!! Und das kostet Zeit, Zeit und nochmal Zeit!!!  Neulich habe ich über eine Bekannte den Begriff: „SPEED-RELAXING“ kennengelernt … ja was soll denn das bitte schön sein??? Passt aber in unsere hektische Zeit, oder? Schnell mal Relaxen, damit ich wieder weiter „hetzen“ kann! Wahrscheinlich besonders geeignet für Manager etc. Beim Autogenen Trainung gibt es zB auch eine „Kurzform“, die jedoch kann ich erst anwenden, wenn ich die Langform verinnerlicht habe. 

Aber ich schweife ja total von meinem Klinikaufenthalt ab … nicht ganz, denn die o.g. „Weisheiten“ gehören zur Therapie und zum Klinikalltag. Was macht man oder lässt man mit sich machen wenn man völlig fertig … körperlich und psychisch … in einer Klinik aufgenommen wird??? Zunächst einmal die Einsicht, Hilfe zu brauchen!!! Man ist ja … meistens … freiwillig hier und will das Leben, das so nicht mehr funktioniert hat, neu ordnen und strukturieren. Zwei wichtige Begriffe: „Struktur“ und „Ordnung“!!! Das hatten wir doch im Kindergarten schon … in der Schule … in der Ausbildung und im Berufsleben. Erst wenn wir die Kontrolle über uns abgeben, wenn wir mit dem Alltag und dessen „Struktur“ nicht mehr zurechtkommen, dann fallen wir in die „Strukturlosigkeit … dann fehlt uns auch unsere innere Struktur, die Kontrolle über uns selbst. KONTROLLE haben zu wollen ist übrigens eines der 4 Grundbedürfnisse im Psychischen Sinne. Wir sind hilflos, haben wir keine Kontolle mehr … zB bei Naturkatastrophen oder in Situationen, in denen wir die Kontrolle abgeben müssen. Warum haben so viele Menschen Flugangst??? … sie müssen die Kontrolle abgeben . An den Piloten, einen Menchen, den sie gar nicht kennen!!! Beim Autofahren haben sie diese Konrolle … meinen sie!!!

Also … sich wieder auf Struktur und Ordnung einlassen lernen, Zeit mitbringen und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Das sind wichtige Bausteine einer stationären Therapie. Ich habe bei meinem jetzigen Aufenthalt einen Firmeninhaber kennengelernt, der zum einen jahrelang „geklotzt“ hat wie verrückt und bei dem Alkohol der Ausgleich war, auch mit Geschäftspartnern bereits ab mittags … da kommt dann bis spät abends so einiges zusammen. Er ist hier angetreten, um so schnell wie möglich wieder draußen zu sein … er wollte an so vielen Gruppen und Therapien wie nur möglich teilnehmen, um schnell und viel zu lernen. Dazu gehörte dann auch ein schneller Entzug mit Diazepam, dem üblichen Mittel bei Suchtentzug. 8 Tage maximal … mehr Zeit habe ich nicht!!! Ja, mein Lieber … ich habe 3 !!! Wochen gehabt, um über dieses Medikament und das langsame „Abnabeln“ vom Suchtmittel wieder auf die Füße zu kommen. Nur nicht so schnell!!!

Ehe ich wieder zu meiner Person komme möchte ich Euch, die Ihr vielleicht noch nie in einer  Einrichtung für „Psychische Gesundheit“ wart, mal die Vielfältigkeit betroffenenr  „Schicksale“ anhand von Beispielen hier auf der Staion schildern:

Da ist wie o.g. der Manager oder Freiberufler, der einen „BURN-OUT“ hat … diesen Begriff gibt es im medizinischen Sinne nicht, denn auch hier handelt es sich um eine Art von Depression. „BURN-OUT“ ist aber für Außenstehende so sehr verständlich und erweckt sofort tiefes Verständnis bei Freunden, Bekannten und vor allem bei Arbeitskollegen. „Der Arme … hat zu viel gearbeitet. Jetzt braucht er eine Auszeit und die gönnen wir ihm von Herzen!“ Bei einer Depression sagen viele der gleichen Menschen: „Depression??? Bei dem stimmt irgendwas nicht … der kam mir ja immer schon ein wenig merkwürdig vor!!! Und jetzt ist in der Kapse … naja!!!“ Und denken darüber nach, den Kontakt mit dem Betroffenen mal auf Eis zu legen, man könnte sich ja „anstecken“!!??

Da wäre die junge Frau so Mitte 30, die eine schlechte Kindheit hatte und die irgendwann mal zur „Borderlinerin“ geworden ist. Für diejenigen, die nicht wissen, was das ist … diese Menschen ritzen sich die Haut, vorwiegend an den Unterarmen, auf da sie die innere Anspannung nicht mehr aushalten … sie brauchen ein Ventil, über die Schmerzen.

Sie tragen auch pberwiegend Kleidung mit langen Ärmeln, damit man ihre Unden nicht sieht. Sympathisch, schön, mit einer tollen Figur und großgewachsen … kann sie sich trotzdem nicht annehmen und ist voller Selbstzweifel. 

Hier gibt es Männer, die nie gelernt haben „NEIN!!!“ zu sagen, die in „dominanten“ bzw. „dominant-empfundenen“ Partnerschaften leben und sich auch im Freundes- und Bekanntenkreis ständig anpassen. Sie haben vielleicht eine eigene Meinung, aber die steckt innendrin, verborgen und darf nicht raus. Erst vielleicht, wenn der Leidensdruck des „Sich Anpassens“ zu groß wird und sie dann … für Außenstehende“ unverständlich überreagieren oder „ausrasten“. Diese Menschen kompensieren ihre Schwäche oft mit einem „Helfersyndrom“ … sie sind ständig für andere da und holen sich dort ihre Erfüllung und Anerkennung, die sie sich selbst einfach aufgrund eines „ICH bin ICH“ nicht gönnen. Hier auf der Station profitieren vor allem Ältere und Schwache von dieser Hilfsbereitschaft … was nicht heißen soll, dass sie die Einzigen sind die helfen oder Andere unterstützen, aber eben in einer auffälligen Art und Weise. Bei einem anderen Mann äußert sich dies in oft agressivem verhalten, wenn er sich unnerstanden fühlt und unbedingt Recht haben will. Sein Ventil ist die lautstarke Auseinandersetzung, der er aber meist entflieht … „Weil es mir zu blöd ist!!!“ Er gibt damit das Ruder aus der Hand und ist nicht mehr Herr der Situation … er flieht auch aus Angst vor sich selbst, denn er möchte so eigentlich nicht sein.

Eine ganz junge Frau Ende 20 kommt mit Depressionen und sehr wenig  Selbstwertgefühl hierher … sie hat in renomierten Hotels gelernt, hat sich eine … wenn auch streßige … Existenz aufgebaut und nun kommt der Zusammenbruch und die Frage nach dem: „Was soll das eigentlich alles … welchen Sinn hat mein Leben!!??“ Ihr Suchtventil ist das Rauchen … immer mehr und immer mehr, wie auch bei der o.g. „Schönheit“, die erst in stationärer Behandlung mit dem Rauchen begonnen hat und nun nicht mehr davon wegkommt. 

Und dann der „alte“ Wiederholungstäter, der bereits mehmals in Behandlung war … der immer wieder in die Depressdion und die damit verbundene Sucht abrutscht … der schlimme Phasen hinter sich hat, aber immer wieder aufgestanden ist und der inzwischen als „Mitarbeiter“ der Station bezeichnet wird … ICH!!! Ende November 2019 hätte ich keinen Pfifferling für ein „Aufstehen“ gegeben, aber ich bin zZ wieder auf einem sehr guten Wege, mein Leben zu verändern und alte Verhaltensmuster abzulegen. Die Bezeichnung „Mitarbeiter“ bezieht sich übrigens auf das Mit-Arbeiten bei der Therapie, nicht als Mitglied der Stations-Crew. Das „Mit-Arbeiten“ oder auch Arbeiten an sich selbst wird nie aufhören … es endet mit dem Ende des Lebens … jeden Tag aufs Neue lernen wir dazu und haben die Chance unser Verhalten zu überdenken und neu zu ordnen.

Junge um die 20 … Ältere um die 70-80 mit überwiegend Altersdepressionen … jeder hat hier ein anderes Krankheitsbild und alle zusammen bilden wir eine Gemeinschaft, die gut tut … fühlt man sich hier doch nicht alleine und vor allem „verstanden“ … wir sitzen in einem Boot, von morgens bis abends und auch in der Nacht, wenn sich die Menschen mit Schlafproblemen auf dem Gang oder in der Küche treffen … und Schlafprobleme haben hier so gut wie Alle. Ein Sympthom von Depressionen übrigens!!!

All dies muss man nun aktuell auch unter dem „Damokles-Schwert: CORONA“ sehen. Wir schreiben den 15. März 2020 und diese Pandemie ist anscheinend nicht mehr zu stoppen … glaubt man den Medien. Das öffentliche Leben ist lahmgelegt … das Leben hier auf der Station funktioniert, die Versorgung, nicht zuletzt auch ärztlich, ist gewährleistet. Die Einzigen, die immer wieder die Staion verlassen „müssen“ sind die Pflegekräfte … sie pendeln zwischen zuhause und der Station hin und her und müssen sich aktuell auch noch überlegen, wie sie ihre Kinder versorgen können. Schulen und Kindergärten sind ja geschlossen … das ist eine echte Herausforderung und verdient unsere bedingungslose Anerkennung. 

Wenn die wissenschaftlichen Prognosen stimmen, dann wird sich eine Ausbreitungskurve bilden, die wir so nicht verkraften können … weder in Deutschland noch global. Da sind wir beim Thema Gemeinschaft … nur gemeinsam und unter Einhaltung aller notwendigen Maßnahmen wie Veranstaltungen meiden, Abstand halten oder so simple Dinge wie Hände oft und gründlich waschen oder desinfizieren können wir diese Kurve verlangsamen … leider aber nicht aufhalten. Verlangsamen und strecken ist notwendig, um ständig eine medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten und eine Überlastung der Kliniken zu vermeiden. CORONA ist eine Herausforderung für alle Menschen … und es  zeigt sich erst die Spitze des Eisberges … bis zum Jahresende werden wir eines viel Besseren belehrt sein … nämlich dass die Menschheit umdenken muss … weg von einem individuellen Egoismus und hin zu einem menschlich-sozialen Verhalten bei dem wir die Schwachen unterstützen und nicht ausbeuten. Ob das allerdings jemals so kommt … da habe ich meine berechtigten Zweifel. Solange weiterhin Geld und Macht einen größeren Anreiz haben als die Einhaltung echter Werte und Menschlichkeit nicht als Gewinn  gewertet wird … solange wird sich leider nichts ändern.

Aber zurück zu unserem Thema: „Psychische Erkrankungen - Depressionen“ und „Hilfe durch eine stationäre Aufnahme in einer Klinik“. 

Am letzten Wochenende durfte ich nach Hause … mit Übernachtung, eine sogenannte „Belastungserprobung“. Wie wirkt Therapeutisches wenn man sich wieder im gewohnten Alltag befindet … wenn einem das Gedächtnis wieder Bilder vorspielt, die mit dem Partner, der häuslichen Umgebung, mit Freunden und Bekannten zusammen hängen. Denn diese Bilder kommen … sie sind abgespeichert in einem speziellen Gedächtnis … bei Süchtigen eben im „Suchtgedächtnis“. Wie schafft man es, Kognitiv-Neu-Erlerntes über diese altvertrauten Bilder zu stellen … wie wirkt man dem inneren „Schwarzen Hund“ entgegen, der nur allzu bereit ist wieder zu bellen und der einem die Leine fürs Gassi-gehen entgegen bringt? Ehrlich gesagt … ich weiß es endgültig auch immer noch nicht!!! Den einfachen Weg zu gehen … die alten Muster wieder anzunehmen … der Versuchung nachzugeben … ja diese Frage stellt sich sofort: „Wozu das Alles??? Ich schaffe es ja doch nicht dauerhaft!!!“ Und genau diese Frage habe ich nir an diesem Wochenende irgendwann, am zweiten Tag auch gestellt: „Wozu das Alles???“

Nach insgesamt 50 Tagen Therapie und stationärer Behandlung kommt einfach so eine blöde Frage daher, taucht in meinem Kopf auf und bringt mein schönes Vorhaben … es schaffen zu können … zum Wanken!!! „Eine bekannte Hölle ist uns lieber als ein unbekannter Himmel!“ … hat einmal jemand gesagt. Und genau das ist es … wir verharren oft lieber in dem bekannt-Schlechten als uns auf den arbeitsreichen Weg zu machen und den unbekannten Himmel zu suchen und zu finden. Wieviele Frauen bleiben in gewalttätigen Partnerschaften … natürlich kommen hier noch Ängste dazu, begründete Ängste. Wieviele Alkohol-Suchtkranke oder Drogensüchtige sterben letztendlich, weil sie in dieser Hölle bleiben, die sie kennen und die zeitweise so schön sein kann. Ich will aber nicht in diese Hölle zurück, ich will leben … und Herr über mich sein, Kontrolle über mich haben, einen Sinn in meinem Leben sehen und gemeinsam mit meiner Frau noch älter werden. 

Ab heute, 17. März 2020, ist auch hier in der Klinik striktes Besuchsverbot … eine Ausgangssperre wird wohl in absehbarer Zeit der nächste Schritt sein. Ich aber wage am Freitag, den 20. März den Schritt nach draußen … ich gehe heim und unterstütze meine Frau … meine Entlassung steht an. Und wir warten täglich auf die Absage von AIDA CRUISES für unsere ab 14. April geplante Kreuzfahrt, die uns von DUBAI bis MALLORCA durch den SUEZKANAL geführt hätte. Noch ist es nicht offiziell, aber es wird kommen und dem sehe ich derzeit eher gelassen entgegen … wir werden das zu einem „günstigeren“ Zeitpunkt nachholen und dann mit mehr Lebensfreude, als es jetzt überhaupt möglich wäre.

Was erwartet mich daheim? Wie schaffe ich es, das Erlernte umzusetzen? Wie kann ich mit meiner Frau die Dinge ansprechen, die wichtig sind … es gibt halt Partnerprobleme, die auf CORONA keine Rücksicht nehmen und die zeitnah bearbeitet bzw. „beredet“ werden müssen!!! Schwierige Fragen, deren Antwort ich auch noch nicht kenne … behutsame Kommunikation heißt wohl die Lösung, in der Hoffnung, dass der andere auch dazu bereit ist. Ambulant kann ich weiter in eine mir wchtige Gruppe gehen … Dienstags und Mittwochs … als Ankerpunkt und gewissermaßen als Ritual im Alltag. Ich werde auch Gespräche mit meinem Therapeuten haben können … hoffentlich zeitnah und so oft wie möglich. Dazu zählen dann auch weitere 3er-Gespräche mit meiner Frau zusammen … die hoffentlich dazu bereit sein wird, es wäre wirklich wichtig.

Noch aber „genieße“ ich die Gemeinschaft hier, die Versorgung und gute Betreuung der Klinik, die es mir eigentlich schwer machen zu gehen. Gerade jetzt sind wir noch mehr zusammengerückt, als Familie fast, deren Mitglieder nur eines kennen: Gegenseitige Unterstützung und Verständnis füreinander. Werte, die momentan „draußen“ oft fehlen … aus Dummheit, Angst, Egoismus oder in Panik … egal … unterdrückte Triebe kommen an die Oberfläche, die Selbstkontrolle ist außer Funktion gesetzt. Eigentlich behandeln wir hier in der Klinik die „Falschen“, denn die „Irren“ laufen draußen herum oder regieren ganze Staaten. Dazu gibt es übrigens ein Buch von Manfred Lütz, einem Psychologen und Theologen: „IRRE - Wir behandeln die Falschen“ … lohnt sich unbedingt zu lesen!!! 

Heute ist Mittwoch, der 18. März, 5:30 Uhr … ich nutze diese frühen und ruhigen Stunden immer zum Schreiben. 3 Tage bis zur Entlassung … mal sehen, was es noch zu berichten gibt …

Achja … dann natürlich auch noch die bange Frage: „Haben wir genug Klopapier daheim???!!!“

Und vielleicht noch ein aufmunterndes Zitat eines älteren und erfahrenen Bauaufsehers, das er zu mir „Jungingenieur“ einmal gesagt hat: „RUHE - auch wenn der Frack brennt!!!“

Die letzten Tage vergingen in Erwartung einer „Ausgangssperre“ für uns hier auf der Station … aber bis heute, 20. März 2020 ist dem noch nicht so. Es gibt aber natürlich Einschränkungenm was die „menschliche Nähe“ anbelangt. Essen im Speisesaal ist nicht mehr gestattet, wir müssen auf dem Zimmer essen. Gruppentherapie im Therapieraum finden nicht mehr statt, da hier der vorgeschriebene Abstand von 1,50 m nicht mehr gewährleistet ist. Die Damen und Herren der Pflege müssen „Schutzkleidung“ tragen … d.h. blaue Kittel über ihren persönlichen Sachen, die dann auf der Station verbleibt und täglich gewaschen wird. Ein direkter Kontakt zur persönlichen Kleidung und zuhause soll so eingeschränkt werden.

Heute also ist mein Entlassungstag … ich werde bis 16:00 Uhr auf der Station und bei den lieb gewonnenen Menschen verbleiben … ich habe doch einen Kuchen gebacken und werde heute noch einen 2. Backen … sofern man irgendwo Mehl auftreiben kann, was ja eher unwahrscheinlich ist. Zwar darf unsere gewohnte „Kaffeerunde am Freitag“ im Speisesaal nicht sein … Abstand 1,50 m !!! … aber bei dem schönen Wetter werden wir uns auf der Terrasse treffen, an der frischen Luft. Unser Professor, der Klinikleiter, wird heute nochmal eine Visite abhalten, die seit einigen Tagen auf den Zimmern stattfindet … mehrere Menschen in dem kleinen Arztzimmer tun momentan nicht gut!!! Und dann wird er mich dabei verabschieden … er muss hierbleiben, sein geplanter Urlaub fällt auch ins Wasser, eine Kreuzfahrt über den Atlantik nach New York. Pendelnd zwischen stationsübergreifenden Krisensitzungen für das gesamte Klinikum und seinen Stationen hier in der Psychiatrie bringt er fast täglich neue Informationen und Entscheidungen mit.

So ist er auch heute, an meinem Abschiedstag, nicht abkömmlich und es ist bereits 13:30 Uhr. In seiner Haut will wohl auch niemand wirklich stecken. Ich habe noch ein Buch aus der Leihbücherei, die natürlich auch geschlossen ist. Das soll ich an der Anmeldung im EG abgeben und dort erlebe ich zum ersten Mal seit Tagen eine deutlich Verschärfung der Situation. Der Empfangsbereich ist durch Pfosten und Ketten abgesichert … jeder muss zwangsläufig an dieser Pforte vorbei … niemand kann sich einfach auf irgendeine Station durchmogeln. Mein Buch wird unter hygienischen Bedingungen, nämlich mit einem Desinfektionstuch entgegengenommen und sofort abgewischt. Schnell wieder rauf auf die Station, vorrübergehend diesem Irrsinn entfliehen … noch 2 1/2 Stunden, dann holt mich meine Frau ab und wir starten in den gemeinsamen Kampf gegen das Virus und gegen Ignoranz und Dummheit.

Das Wetter meint es zumindest heute noch gut mit uns und wir können auf der Terrasse der Station sitzen, auch um gegen 15:00 Uhr den von mir gebackenen „Abschieds-Kuchen“  … eine Rüblitorte“ … zu genießen. Noch sind viele Mitpatienten unterwegs, denn noch ist keine Ausgangssperre … das gilt es natürlich auszunutzen. Nun ist es 14:00 Uhr und für einen 2. Kuchen zu spät … also muss heute halt die Torte und damit ein Kuchen reichen. Ich lasse es jetzt auslaufen … stressfrei!!!

Übrigens … die Tauschgeschäfte haben auch erfolgreich begonnen … Mehl gegen Klopa-pier!!! Ein interner Handel von zwei Krankenschwestern der Pflege … und das ist wahrscheinlich erst der Beginn!!!

Es ist 15:00 Uhr … die Torte ist aufgeschnitten und immer mehr „Mitleidende“ finden sich auf der Terrasse ein und loben meinen Kuchen. Es ist herrliches Wetter und die Sonne meint es gut mit meinen Kuchengästen. Dann überreichen sie mir mein Abschiedsgeschenk … eine „Coole Socke“ als 3-D-Bild in einem Rahmen. Falls noch nicht erwähnt … eine Mitpatientin hat mich eine „Coole Socke“ genannt … und das in meinem Alter, ich bin gerührt. Ja, nun ist er gekommen, der Abschied … meine Frau ruft an, sie wartet unten. Mit nicht gerade wenig Gepäck verlasse ich unter vielen guten Wünschen die Station und dann auch die Klinik … jetzt geht es heim … zu meiner Frau und „CORONA“.

Vielen Dank an alle Lieben auf der Station … 

... gemeinsam war es schön und hilfreich!!!