Alles Gute ... was mag das heißen?

Eine eher kleine Wunde im Leben ... trotzdem: ALLES GUTE

ALLES GUTE

ALLES GUTE - was mag das heißen?  Sie bekommen ihn oft zu hören in diesen Tagen,  diesen Allerweltswunsch. Wir sagen ihn einander immer, wenn wir uns gratulieren und beglückwünschen ... zum Geburtstag, an Festtagen, bei Hochzeiten und Jubiläen. Aber auch wenn wir einen Krankenbesuch gemacht haben oder wo immer wir einander verabschieden - immer ist es da, dieses "Ich wünsche dir alles Gute!"

Dazu hat Klinikpfarrer i.R. Helmut Körner, den Sie ja bereits kennen, einiges zu sagen:

Ich war in der Silvesternacht, wie dies seit Jahren meine Gewohnheit ist, unterwegs auf den Stationen unserer großen Klinik. Ich habe die Nachtschwestern getroffen und die dienst-habenden Ärzte, habe mit Patienten gesprochen, die nicht schlafen wollten oder konnten. Ich habe Menschen gesehen, die heute Nacht plötzlich krank wurden und aufgenommen werden mußten - auch einige mit den Silvesterunfällen durch Feuerwerkskörper- auch jene, die sich zuviel Alkohol zugemutet hatten.  Und ich habe die getroffen, die in neuen Jahr nicht mehr leben wollten, weil sie heute Nacht oder schon länger der große Weltschmerz erfaßt hat. Und immer war es da, am Ende der kleineren oder größeren Gespräche: "Ich wünsche Ihnen alles Gute!"

Was mag es wohl bedeutet haben für jeden einzelnen von diesen Menschen?

Ich bin sicher: Für jeden von uns hat es eine andere Bedeutung, das Gute, das wir einander wünschen. Gesundheit, körperliches und seelisches Wohlergehen, Friede - ja vor allem Friede! - in der kleinen und in der großen Welt. Sie wissen es selbst am allerbesten, liebe Hörer, was für Sie wünschens- und erstrebenswert ist im neuen Jahr: für Ihre Familie, für Ihre Kinder, im Hinblick auf Ihre Arbeit oder Ihre Zukunftspläne, für unser Land, unsere Welt. Für all dies wünschen wir einander ALLES GUTE.

Aber vielleicht spüren Sie auch, daß die einzelnen Bedürfnisse - so bedeutend sie ohne Zweifel sein mögen - dennoch nicht das erfüllen, was wir mit a l l e m Guten meinen.  Ich habe den Eindruck, daß wir manchmal in der Gefahr sind, dass das, was wir uns momentan sehr sehnsüchtig wünschen, nicht mehr ist als ein einzelner Mosaikstein, eine einzelne Farbschattierung im großen Bild unseres Lebens. Was nützt mir Vorwärtskommen im Beruf ...so wichtig das ist! ... wenn ich schwer erkranke?  Was bedeutet materieller Gewinn ... so erstrebenswert er sein mag ... wenn ich gleichzeitig in meinen Lebensumständen todunglücklich bin?

In der Tat - Glück, Zufriedenheit, innere Ruhe und Frieden auch und gerade dann, wenn nicht alles so klappt wie man es sich wünscht: dies alles ist weit mehr als äußeres Wohlbefinden. Aber gerade dieses "mehr" ist gemeint, wenn wir einander nicht einfach e t w a s Gutes wünschen, sondern ALLES GUTE.

Vielleicht wird das, was ich meine, etwas deutlicher, wenn wir diesen Wunsch einmal auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens betrachten. Und ich glaube auch, dass Sie ... als "Nichtreligiöser" Leser im weiteren Text etwas für sich "entdecken" können.

Der Glaube sieht ja den ganzen Menschen in seiner Gesamtheit: als Einheit von Leib u n d Seele, als irdisches Wesen u n d berufen zur Ewigkeit, als fehlerhaftes und fehlendes Geschöpf u n d doch voller Sehnsucht nach Vollkommenheit.  Und deswegen gilt der Wunsch nach allem Guten dem gesamten Menschen. In den meisten Religionen aber ist der Inbegriff alles Guten Gott selbst! Erst recht und ganz besonders in der Religion der Bibel.  Jahwe, der Heilsgott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus, ist in den Schriften das Alten und Neuen Testamentes immer wieder ausgewiesen, geglaubt und angebetet als der Geber alles Guten, ja als das Gute schlechthin. So heißt es in einem alten kirchlichen Hymnus: "Ubi caritas et amor, deus ibi est":  "Wo die Güte und die Liebe ist, da ist Gott!"  Und in seinem  Brief an Titus schreibt der Apostel Paulus über den menschgewordenen Sohn Gottes: "Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes" (Tit 39,4) 

Güte, das ist nicht irgendeine Eigenschaft Gottes wie es der Charakterzug eines Menschen sein kann - nein, Güte Gottes, das ist sein Wesen, das ist er selbst! 

Wenn das aber wahr ist, dann heißt das für uns: Wann und wo immer wir einem Menschen tief empfunden ALLES GUTE wünschen, da wünschen  wir ihm als Glaubende eben nicht nur e t w a s Gutes, sondern die Tiefe alles Guten - und das ist Gott selbst! Wir wünschen ihm die Nähe Gottes!

Für die Nähe Gottes aber hat der Glaube ein anderes Wort geprägt: das Heil.  Wir wünschen einander letztendlich das Heil, die Gegenwart Gottes - spurenhaft jetzt schon in den Abläufen dieser  Zeit, erfahr-bar und ahnbar im Glück des Alltags, bis wir einmal die Nähe Gottes unverhüllt und unverlierbar erfahren dürfen in der Glanzfülle seiner Herrlichkeit: dann, wenn wir heilig sind.     

Wir tun uns oft schwer, verehrte Zuhörer, solche Zusammenhänge in unserer Alltagssprache zu entdecken. Die alte Sprache der Hl. Schrift hat es da leichter. Wenn uns dort das Wort SCHALOM begegnet, das auch heute noch Gruß und Segenswort jüdischer Bürger ist, dann meint es genau dies: Ich wünsche dir Frieden, Segen und Heil, das von Gott kommt. Der biblische Friedensgruß SCHALOM ist undenkbar, ohne daß die selbstverständliche Gegenwart Gottes mitschwingt.

Wenn heute morgen katholische Christen das Neue Jahr in der Feier der Eucharistie beginnen, dann hören sie in ihrem Gottesdienst diese uralte biblische Zusage von allem Guten. Sie hören, wie Gott es formuliert hat, als er dem Volk Israel - und das steht stellvertretend für alle Menschen - sagen will: Ich wünsche dir alles Gute! Da wird aus dem alttestamentlichen Buch Numeri verkündet (Num6,22-27):

"Der Herr redete zu Mose: So sollt ihr die Israeliten segnen, indem ihr zu ihnen sagt: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht auf dich leuchten und sei dir gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht hin zu dir und gewähre dir heil! So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen - und ich werde sie segnen."

Lassen Sie mich, verehrte Hörer, noch einmal zurückkommen auf die Menschen, die mir heute Nacht in der Klinik begegnet sind. Sie sind für mich so etwas wie ein Symbol all dessen, was einem an Schwerem widerfahren kann. Jeder von ihnen hat seine eigene Lebensgeschichte, jeder sein Schicksal, jeder seine Zeit, seine Vergangenheit, seine Zukunft. Eigentlich kann ich nur wirklich und ehrlich "alles" Gute wünschen, wenn ich weiß, daß ich sie damit in die Gegenwart Gottes empfehle. Da waren sehr hoffnungsfrohe Menschen dabei, voller Freude auf das Morgen, dem sie geheilt wiedergeschenkt würden. Aber da gab es auch Menschen, für die sehr wahrscheinlich das neue Jahr das letzte ihres Lebens sein wird.  Da waren Menschen dabei, für die ihr Leben absolut keinen Sinn und schon gar keine Zukunftsperspektive mehr hatte. Kann man diesen Menschen denn wirklich ALLES GUTE wünschen, wenn man im Grunde weiß, daß es kaum ein Leben gibt, in welchem einem nur a l l e s Gute widerfährt?  Wäre es nicht geradezu ein Hohn?  Müßte man sich nicht als Lügner, als Betrüger vorkommen, jemandem alles Gute zu wünschen, von dem man weiß, wie schwer er geschlagen ist? Ich meine, das geht menschlich anständig wirklich nur dann, wenn man im Glauben erkennt, daß Gott der Herr unserer Geschichte ist - der Weltgeschichte und jeder einzelnen Menschengeschichte. Daß Gott der Herr auch des Jahres 1982 sein wird - auch dann, wenn es so aussieht, als sei mehr das Böse, das Teuflische und nicht zuletzt auch wir sündigen Menschen Herren unserer Geschichte.  Ich kann einen Menschen mit allen guten Wünschen nur dann in seine ungewisse Zukunft entlassen, wenn ich weiß, daß auch diese seine Zukunft eine Zukunft mit Gott ist.  Das kann der Gott der Trauernden sein und der Gott der Lachenden, der Gott der Hoffnungsvollen oder der Gott der Enttäuschten. Haben wir nicht vor einer Woche Weihnachten gefeiert als Erinnerung an die Tatsache, daß Gott Mensch unter Menschen geworden ist mit allen Konsequenzen menschlicher Existenz? Weil er Mensch geworden ist, ver- steht er, was es bedeutet, wenn wir rufen: Herr, erbarme dich; erbarme dich auch unserer Zeit! Weil er aber trotz Menschwerdung der Emmanuel, der "Gott mit uns" bleibt, geht er mit mir durch alle Höhen und Tiefen meines Alltags, als der Heilsgott meiner persönlichen Lebensgeschichte.

Das habe ich gemeint, wenn ich jenen Menschen heute nacht in der Klinik in ihrer ganz eigenen Lebenssituation ALLES GUTE gewünscht habe.

Vielleicht war es das auch, was den Verfasser des 23. Psalmes inspiriert hat zu seinem Gebet:

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen;

er läßt mich lagern auf grüner Weide

und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Er stillt mein Verlangen.

Er leitet mich auf rechten Wegen treu seinen Namen.

Auch wenn ich wandern muß  in finsteren Schluchten,

ich fürchte kein Unheil: denn du bist bei mir.

Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.

Du deckst mir den Tisch, allem zum Trotz, was gegen mich steht,

Du salbst  mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher;

lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang

und wohnen darf ich in Hause  des Herrn  für lange Zeit."

Wo Gott in Leben und Schicksal eines Menschen seinen Platz hat, da bekommt es eine ganz eigene Qualität, wenn man ihm sagt:

Ich wünsche dir alles Gute!