SELBSTANNAHME - Wie schwer das ist

Machen Sie sich mit mir ein paar Gedanken über dieses Problem der Selbstannahme?

Vielleicht könnte uns ein Lied von Reinhard Mey dabei helfen.

Ich wollte wie Orpheus singen, dem es einst gelang,

Felsen selbst zum Weinen zu bringen durch seinen Gesang.

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Meine Lieder klingen nach Wein und meine Stimme nach Rauch -

Mag mein Name nicht Orpheus sein - mein Name gefällt mir auch.

 

In diesem Lied von Reinhard May träumt ein Mensch von seinen Wünschen und Sehnsüchten. In seiner Phantasie malt er sich aus, was er gerne erreichen möchte mit seinen Fähigkeiten. Wie der Gott der Gesangskunst möchte er seine Lieder anbieten, um den Zuhörern - wenigstens für eine kurze Dauer - Zufriedenheit, Stille, Ruhe zu ermöglichen. In höchster Vollendung - wie Orpheus - zu singen: Das ist sein schwärmerischer Wunschtraum.

Aber schon stellt Melancholie sich ein: Kann ich das denn? Wer bin ich eigentlich? Und die Ernüchterung: Da ist bei mir nichts von absoluter Vollkommenheit: Meine Lieder klingen nach Wein und meine Stimme nach Rauch. Und weg ist die Illusion. Aber: Wenn ich nicht schon der sein kann, der ich sein möchte - so will ich doch ganz gern der sein, der ich bin: Mag mein Name nicht Orpheus sein - mein Name gefällt mir auch!

Die rauhe Wirklichkeit hat ihn wieder, den träumenden Sänger. Und indem er sich eingesteht, daß er eben nur er ist und kein anderer, da gelingt es ihm auch, sich so anzunehmen, wie er ist: mit seiner Mittelmäßigkeit, die gar nichts Übermenschliches mehr an sich hat. Doch obendrein ist  auch sein Wunsch gar nicht so weit weg in Erfüllung gegangen: Zwar ist kein Fels und kein Meer zu ihm gekommen, aber da ist doch jemand, der ihm zuhört; der ihn gern hört, obwohl er nicht Orpheus ist. Da er sich selbst annimmt, erlebt unser Sänger, daß er angenommen wird. Wenn er seine Träume etwas herunterschraubt, und sich so akzeptiert, wie er ist, hat er letztlich das, was er wollte - wenn auch freilich ein bißchen anders.

Es ist gar nicht so leicht, liebe Hörerinnen und Hörer, sich selbst anzunehmen, wie man ist. Sie selbst kennen sich sehr gut! Sie wissen, wohin Ihre Träume manchmal gehen; Sie wissen ganz gut, wer Sie eigentlich gerne wären; wie Sie Ideen verwirklichen möchten, die Sie haben; wie Sie Ihre Hoffnungen erfüllt sehen möchten. Mancher wird da sogar ehrgeizig, seine Träume in die Wirklichkeit umzusetzen; und bei der Verwirklichung dieses Zieles kommt er in Gefahr, von sich mehr zu verlangen als er kann - und gegen sich selbst härter zu werden, als er je gegen jemand anderen werden würde.  

So ist das eben mit unseren Träumen. "Das Träumen ist der Sonntag des Denkens" - und in diesen Träumen, da können wir uns betrachten, wie wir gerne wären. Da wird der Kranke gesund, das HäSsi liche wird schön, das Schwache wird stark, der Streit wird Friede: Im Träumen erleben wir das Paradies. Aber dann werden wir wieder herausgeholt. Wir schauen in den Spiegel - und sehen uns in unserer Realität:  Der Kranke erlebt sein Krankheit, das Schlechte bleibt schlecht, Unfrie-de, Angst und Ruhelosigkeit kehren wieder: Das Paradies geht erneut verloren. Wie oft suchen wir schöne strahlende Blumen am Horizont unserer Phantasie. Und um sie zu erreichen - die letztlich doch unerreichbar bleiben! - übersehen, ja zertreten wir Tausende kleiner Gänseblümchen, die unscheinbar -  dafür aber wirklich, an unserem Weg gewachsen sind.

Und doch ist dies unsere einzige Chance: Uns so zu nehmen, wie wir sind. Die einzige Chance nämlich, nicht unterzugehen in einem sich immer mehr steigernden Sehnen danach, anders, schöner, besser zu sein. Ja-sagen zu sich selbst, liebe Leserinnen und Leser, ist ja keine abwertende, negative Haltung, die halt nur duldet und erträgt, wo das Unvermeidliche übergroß geworden ist. Ja-sagen zu sich selbst ist eine positive Einstellung. Weil sie die Freiheit hat, Grenzen anzuer-kennen: Ich bin ich - und kein anderer, mit meinen Fähigkeiten und mit meinen Schwächen. Und weil ich ich bin, sage ich Ja zu mir - eben zu meinen Fähigkeiten und zu meiner Schwachheit. Ich freue mich, daß ich hilfsbereit bin und gut – akzeptiere aber auch, daß ich Hilfe brauche und die Freude des Helfens anderen überlassen muß. Ich bin stolz darauf, anderen einen Rat geben zu können - weiß aber auch, daß ich selbst Rat nötig habe. Ich sage Ja zu mir - nicht weil ich das beste Exemplar Mensch bin; nicht, weil es da nichts zu ändern und zu verbessern gäbe: sondern weil ich mit den Möglichkeiten leben möchte, die mir hier und jetzt gegeben sind;  weil ich die Möglichkeiten nicht verschütten möchte mit der Trauer darüber, daß ich nicht anders bin.

In den Märchen, schlägt sich manche Weisheit der Völker nieder. Vielleicht ist es Ihnen schon einmal aufgefallen, daß in vielen Märchen die Sache dann gut ausgeht, wenn die handelnde Person bereit ist, Ja zu sagen zu ihrer gerade aktuellen Situation - und sei sie noch so "verwünscht": Die Prinzessin erhält den Prinzen, als sie sich entschließen kann, den häßlichen Froschkönig zu akzeptieren und sogar mit ihm zu leben. Papageno, die Märchen-gestalt in Mozarts "Zauberflöte", bekommt seine langersehnte Papagena, als er Ja sagt zur alten Hexe an seiner Seite. Wer das Alltägliche annimmt, so scheinen die Märchen zu sagen, wer Ja sagt auch zu seinen Grenzen, der hat die Möglichkeit, der Stärkere zu bleiben, der Sieger im Kampf mit dem Schicksal. Selbst das Verwünschte, das Heillose, birgt dann noch den Keim von Verwandlung und Erlösung in sich. Das Gegenteil zeigt uns "Hans im Glück", der dauernd unzufrieden ist mit sich und dem, was er hat. Und der immer wieder meint, tauschen zu müssen, solange bis er gar nichts mehr hat.

Leichter fällt es mir freilich, Ja zu mir zu sagen, wenn ich die Erfahrung machen kann, daß auch andere mich bejahen. Daß sie dort mit mir froh sind, wo ich froh bin; und daß sie auch dort ihren Weg mit mir teilen, wenn mein Weg schwer, steinig und mühselig ist.

 

Meine Lieder sing ich dir von Liebe und von Ewigkeit.

Und zum Dank teilst du mit mir meine Mittelmäßigkeit.

Kein Fels ist zu mir gekommen, mich zu hören, kein Meer -

Aber ich habe dich gewonnen - und was will ich noch mehr?

 

Eine ähnliche Erfahrung machte wohl auch Jesus von Nazareth. Er wußte, daß sein Leben geborgen war in den Händen seines Vaters. Er glaubte an die Treue, die Gott ihm zugesagt hatte in jener Stunde bei der Taufe: "Dieser ist mein gelieb-ter Sohn; an ihm habe ich mein Wohlgefallen!". Dabei war auch Jesus ein Mensch, der in seinen Grenzen leben mußte: Er war ein Mensch seiner Zeit, geprägt von seinem Volk, geformt von vielen Begegnungen mit Menschen seiner Umge-bung, abhängig von politischen Konstellationen und ausgeliefert der Meinung seiner Mitmenschen. Auch er hatte seine Ideale und Vorstellungen. Und auch er mußte lernen. Ja zu sagen zu sich selbst, seiner Sendung, seinem Auftrag. Durch manche Versuchung hindurch mußte er dies lernen. Aber für Jesus war es keine Frage, daß Gott es ernst meint, wenn er 

zum Menschen spricht: "Bei deinem Namen habe ich dich gerufen; mein bist du!" Ob Gott im AT solches zu einem Pro-pheten sagt, ob Jesus sich gemeint fühlt, oder ob heutzutage ein beliebiger Mensch durch seine Taufe sich so ange-sprochen glaubt: dies ist letztlich gleichermaßen gültig. Wen Gott bei seinem Namen ruft, den nimmt er ernst; den nimmt er an in der ganzen Einmaligkeit seiner Person.

Für den Menschen der Bibel, liebe Leserinnen und Leser ist der Name weit mehr als nur eine Bezeichnung, die einen Menschen von einem anderen unterscheidet. Der Name steht stellvertretend für die Person, die ihn trägt - wie heute noch, wenn wir eine Unterschrift leisten. Jemanden bei seinem Namen rufen heißt also, den ganzen Menschen ernst nehmen und anerken-nen, so wie er ist. Für Gott ist jeder Mensch eine einmalige und unaustauschbare Person. Das war schon damals so zu Zeiten der Propheten, das ist heute noch so. Und jeder Mensch darf vor ihm er selbst sein.

> Jeremia beispielsweise  fühlte sich zu jung für das Prophetentum - Gott brauchte ihn eben als jungen Menschen. 

> Mose meinte, er könne nicht reden vor seinem Volk - Gott gab ihm eine Hilfe und stellte ihn trotzdem in seinen Auftrag. 

> Jona wollte fliehen vor der Sendung Gottes - und Gott nahm ihn an trotz seiner Feigheit.

Jesus wußte also sehr gut, daß sein Vater die Freiheit und Einzigartigkeit des Menschen, die er ihm ja in der Schöpfung gegeben hatte, in unverbrüchlicher Treue achtet. 

Nun kommt es ihn um so schwerer an, als er erfahren muß, daß die Menschen ihn nicht so nehmen, wie er ist, sondern wie sie ihn haben wollten. Es ereignete sich folgendes: "Jesus betete einmal in der Einsamkeit; und seine Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Menschen? Sie antworteten: Für Johannes, den Täufer; andere für Elia; wieder andere glauben, einer der alten Propheten sei auferstanden. Da sagte er zu ihnen: Und Ihr, für wen haltet Ihr mich? Petrus antwortete: für den Messias Gottes!", so lesen wir es im Lukasevangelium (9,18-20). Mit den falschen Vorstellungen anderer über sich selbst zu leben ist schwer, manchmal sogar gefährlich. Deshalb möchte Jesus, daß seine Jünger nicht mehr darüber sprechen. Er aber spricht zu ihnen über das, was er anzunehmen hat, was zu seinem Leben gehört: "Der Menschensohn muß vieles erleiden. Er wird verworfen, er wird getötet, aber am dritten Tage auferstehen."(Lk 9,21-22) Dies gehört zu ihm - auch dazu muß er Ja sagen. Er weiß, daß nur in der Annahme dieses seines Lebens der Keim jenes anderen, größeren Lebens in der Herrlichkeit seines Vaters verborgen liegt. Im Annehmen des Todes - das weiß und verspricht er - liegt das Leben; freilich ein ganz anderes als das jetzige. Für Jesus ist es eine felsenfeste Wahrheit, die er auch uns zusagt: So wie ich vom Vater angenommen wurde, selbst noch am Kreuz, wo ich meinte, von ihm verlassen zu sein - so kann jeder Mensch darauf vertrauen, daß sein Leben angenommen ist von der Hand Gottes. 

So könnte sich eine neue Zukunft eröffnen: Der Kranke kann Frieden finden trotz seiner Krankheit; der Schwache kann zu seiner Schwachheit stehen und braucht sich nichts Übermenschliches abzuverlangen. „Wer dieses Leben retten will,“ sagt Jesus, „wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert“ - das könnte heißen: Wer sein Leben so annehmen kann, wie ich das meine angenommen habe – „der wird es retten“.

Liebe Leserinnen und Lese: Jeder von Ihnen ist eine einmalige, unwiederbringliche Persönlichkeit, die es nicht mehr gibt in der Geschichte dieser Welt. Ich möchte Ihnen Mut machen, Ja zu sagen zu sich - und sich so anzunehmen, wie Sie sind, auch wenn Sie sich in manchem nicht gefallen. Und wenn es Ihnen schwer fällt - und ich verstehe gut, daß Ihnen das oft schwerfallen mag, weil es mir genauso geht - dann versuchen Sie es einmal mit diesem alten Gebet:

 

Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann;

den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann;

und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.